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BLOG vom 05.07.2020
Kurioses aus der Welt der Käfer

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim

 

In diesem Blog gehe ich auf die Kuriositäten in der Käferwelt ein. So erfahren wir, wie Käfer, die auf dem Rücken landen, wieder aufstehen können. Einige geben Brummtöne von sich und andere vermehren sich unglaublich. So gab es in bestimmen Jahren Millionen Maikäfer, die die Blätter von den Bäumen frassen. Es gab auch einen „Käfer-Flugtag“ in einer Kirche in Basel. Über Europas grössten Käfer gibt es interessante Geschichten. So fand eines Tages ein Bibersteiner einen Hirschkäfer vor seiner Schlafzimmertür. Der Höhepunkt der Kuriosität war ein Prozess, der über einen Schädling angestrebt wurde.

Wir kennen weltweit 350 000 Käferarten in 179 Familien. In der Schweiz sind 6500, in Österreich 7500 und in Deutschland 7000 Arten bekannt. Einige sind stark gefährdet oder sogar ausgestorben.
Unter den Käfern gibt es Schönheiten, Nützlinge und Schädlinge.

Hirschkäfer an der Schlafzimmertür
Walter Hess schilderte unter „Artikel nach Autoren“ im Textatelier seine Begegnung mit einem Hirschkäfer-Männchen. Er wartete geduldig vor der Schalzimmertür auf Einlass. Später entdeckte er in einem benachbarten Raum einen Zwerghirschkäfer (Balkenschröter), der ein naher Verwandter des Hirschkäfers ist. „Ich habe ihm in der Nähe unseres Zuckerahorns die Freiheit geschenkt. Als Dank hat er mich zuvor noch in die Hand gekniffen.“

Seit Jahren bin ich auf der Suche nach einem Hirschkäfer. Vor 2 Wochen war es soweit. Christian Wirth, ehemaliger Gymnasiallehrer in Schopfheim und Schönau machte mich auf fliegende Hirschkäfer aufmerksam. Darüber werde ich in einem gesonderten Blog berichten.

Mit Maikäfer Mädchen ärgern
In der Maikäfer-Zeit brachten wir Jungs oft Maikäfer in einer Zigarettenschachtel in die Schule mit. Dann ärgerten wir die Mädchen, indem wir die Käfer auf ihre Kleider platzierten. Die Käfer krabbelten nach oben in die Kleiderausschnitte und verursachten ein Kribbeln. Die ahnungslosen Mädels schrien vor Schreck auf. Ein anderes Mal brachte ein Kamerad Niespulver mit, das er dann ausstreute. Die Folge war, dass wir alle herzhaft niesen mussten. Auch der ahnungslose Lehrer schloss sich der Nieserei an.

Flugtag in der Kirche
Der Schweizer Emil Baschnonga, wohnhaft in London, wusste einen Schülerstreich zu berichten. Damals war ja der Gang zur Kirche Pflicht. Unterwegs zur Messe sammelte Emil Maikäfer und packte sie säuberlich in sein Taschentuch. Er wollte die Käfer nach der Messe zu Hause in einer Schuhschachtel krabbeln lassen.

Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: „Dies war wirklich ein unbeabsichtigter Streich. Mitten in der Messe krabbelten die Maikäfer allesamt aus meiner Hosentasche, und einer nach dem anderen begann in der Kirche herumzuschwirren als der Pfarrer auf der Kanzel predigte. Zuerst war ich sehr verlegen, bis ich sah, welchen Spektakel sie anrichteten. Dann hatte ich meinen Spass, wie die ganze Kongregation die Köpfe nach den Maikäfern verdrehte und viele Gläubige ihr Lachen nicht länger unterdrücke konnten. Der Pfarrer, wiewohl ebenfalls abgelenkt, liess von seiner Predigt nicht ab… Ich kam heiter und ungeschoren davon. Der Vorfall spielte sich in der St.Antonius-Kirche in Basel ab.“

Millionen Maikäfer
Anfang der Fünfziger Jahre im letzten Jahrhundert wohnten wir in der Gemeinde Buchdorf im Landkreis Donauwörth (Bayern). Wir besuchen damals fast jeden Abend die Maiandacht. Nach den Messen inspizierten wir immer die nähere und weitere Gegend. Auf unserem Nachhauseweg brummte es gehörig, die Maikäfer flogen uns um die Ohren, wir mussten sie mit Händen abwehren. Dann sahen wir auf einigen Bäumen, wie die vielen Maikäfer die Blätter als Nahrungsquelle entdeckten und fast alle Blätter frassen. Es gab so viele Käfer, dass wir sie von den Bäumen schütteln konnten. Die Böden unter den Bäumen waren mit Mailkäfern bedeckt.

Es gab immer wieder Maikäferjahre. Auch in vergangenen Zeiten. Dr. Kurt Floericke berichtete in seinem Buch „Käfervolk“ (1924) von Millionen Käfer im Landkreis Leipzig im Jahre 1864. 4 Jahre später folgte ein weiteres berüchtigtes 3 bis 4 Wochen dauerndes „Flugjahr“. In Quedlinburg gab es sogar einen Maikäfer-Vertilgungsverein. Für abgelieferte Maikäfer bekam man einen Geldbetrag. Die Maikäfer wurden in heissem Wasser abgetötet und als Viehfutter verwendet. Da der Maikäfer viel Fett enthält, wurde Wagenschmiere und Seife hergestellt.

Goldglänzender Rosenkäfer
Anlässlich einer BUND-Exkursion 2019 wurde die Insektenwelt am Wiesenufer bei Schopfheim unter die Lupe genommen. An einer Stelle am Hang zu einer Wiese war die Kanadische Goldrute, ein Neophyt, zu sehen. Auf den gelben Blüten tummelten sich viele Bienen und verschiedene Fliegenarten. Auf einer Blüte entdeckte ich auf einer Blüte den Goldglänzenden Rosenkäfer. Der Käfer wird als fliegendes Kleinod in Smaragdgrün bezeichnet. Er zählt zu den Schönheiten der Käferwelt. Der ganze Körper ist metallisch goldgrün glänzend. Auf den Flügeldecken sieht man ein paar kleine weiße Flecken und Querbinden. Ein Foto konnte ich gerade noch machen, dann flog er blitzschnell davon. Der Käfer fliegt nämlich mit geschlossenen Flügeldecken und streckt seine häutigen Hinterflügel aus seitlichen Aussparungen hervor. Diese ermöglichen einen schnellen Start.

Christian Wirth, der schon etliche Larven (Engerlinge) des Rosenkäfers im Kompost entdeckt hat, weist eindrücklich darauf hin, dass es hier nicht um die Engerlinge des Maikäfers, sondern um die Larven des Rosenkäfers handelt. Man soll sie auf keinen Fall den Vögeln vorwerfen. Der Goldglänzende Rosenkäfer ist nämlich eine besonders geschützte Art und kommt nur lokal vor.

 


Gold-Rosenkäfer (Foto: Elisabeth Faber)
 

Der Goldglänzende Rosenkäfer findet man häufig an Blüten, wie Rosen, Holunder, Weissdorn oder Doldenblütler. Die Larven leben in morschem Holz, in Kompost und selten in Ameisenhaufen. Die Verpuppung erfolgt an einem Kokon aus Erdreich und Holzfasern. Die Larven ernähren sich von verrottenden Pflanzenteilen und Holzmulm. Die Käfer saugen meistens süsse Pflanzensäfte, naschen auch gerne Pollen und an zarten Blütenteilen.

 


Wald-Mistkäfer (Foto: Heinz Scholz)
 

Wenn ein Käfer raschelt
Anlässlich einer Wanderung in der Nähe des Eichener Sees bei Schopfheim entdeckte ich am Rande eines Waldweges einige schwarze Käfer. Es war der Waldmistkäfer. Christian Wirth sagte mir, wenn man den Käfer auf den Rücken zum Liegen bringt, raschelt er.

Der schon erwähnte Kurt Floericke beschreibt nicht nur den Pillendreher, sondern auch den Rosskäfer, der zu den Mistkäfern gehört. Er galt früher als Wetterprophet. Das haben die Landwirte vergangener Zeiten schon erkannt. „Wenn er abends fliegt, so heisst es, will er backen; wenn er morgens fliegt, will er waschen; das will besagen, dass in jenem Falle warmes und heiteres Wetter eintreten wird. Auch starkes Gebrumm des Käfers soll gutes Wetter ankündigen. Wenn die Käfer am Spätnachmittag herumflogen, konnten Taglöhner endlich Feierabend machen.

Er schnellt in die Höhe
Die Larve des Saatschnellkäfers kennt der Landwirt unter „Drahtwurm“, der unbeliebt ist. Die Larve zerbeisst zarte Wurzeln und Keime in den Gemüsebeeten und Haferfeldern. Der Käfer ist jedoch ein harmloser Blütenbesucher. Fällt er mal auf den Rücken, dann spannt er einen langen Dorn, der sonst in einer Grube ruht, auf der Unterseite seines Körpers und schnellt in die Höhe und landet wieder auf seinen Füsschen. Floricke beschreibt das so:

„Zum Emporschnellen zieht der Käfer Beine und Fühler dicht an sich und biegt die Vorderbrust so weit nachhinten, dass die Spitze des Dorns oben auf den Vorderrand der Grube zu liegen kommt. Dann lässt er plötzlich mit bedeutender Muskelkraft den Dorn abschneppen, wodurch sich die Unterseite der Vorderbrust mit grosser Gewalt nach innen biegt und der Körper durch den starken Rückstoss in die Luft geschleudert wird.“

Zweigteilte Facettenaugen
Käfer haben Facettenaugen (z.B. haben Junikäfer 2700 – Weibchen - bis 3700 - Männchen - Einzelaugen pro Auge). Bei gewissen Arten schätzt man bis zu 30 000 Facetten pro Auge. Bei den Taumelkäfern ist das Auge zweigeteilt. Der obere Augenteil ist an das Sehen in der Luft, der untere im Wasser angepasst.

Prozess für einen Käfer
Der Rebenstecher galt früher zu den gefürchteten Schädlingen in den Weingärten. Dem Übeltäter wurde sogar im Mittelalter der Prozess gemacht. Der Prozess wurde in St. Julien (Ort in Savoyen) nach einem verheerenden Auftreten durchgeführt. 2 gelehrte Juristen wurden als Verteidiger aufgestellt und eine besondere Kommission mit der Festlegung des Schadens beauftragt. „Der Prozess begann 1545 und dauerte bis 1546, als die Käfer längst gestorben waren… Als 1581 wieder der Käfer wütete, wurde der Prozess erneut durchgeführt.

Floericke dazu:  Der Sachverwalter der Beklagten machte allerdings geltend, dass der gesunde Menschenverstand davor bewahren müsse, unvernünftigen Tieren einen Prozess anzuhängen, zumal auch die höchsten Kirchenstrafen keine Macht über sie hätten.“ Der Prozess schloss mit einem Vergleich. Die Kläger gaben den Beklagten ein Stück Land.

 

Literatur
Floericke, Kurt: „Käfervolk“, Kosmos Bändchen, Franckh´sche Verlagshandlung, Stuttgart 1924.

 


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