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BLOG vom 04.01.2005


Sind Altersheime eine Fehlkonstruktion?

Autor: Walter Hess

Die Gemeinde Biberstein im Aargau heisst nicht umsonst so. Hier legen Biber pflichtbewusst, wohl um dem Gemeindenamen Ehre zu machen, eine Silberweide nach der anderen um. Einem hohen, angenagten Baum, der ausgerechnet auf die Aare-Strassenbrücke gefallen wäre, musste dieser Tage mit einer Motorsäge ein anderer Dreh gegeben werden. Nicht berücksichtigt blieb dabei, dass die Biber bloss den motorisierten Verkehr unterbrechen wollten, der sie in ihrem Frieden stört. Man darf die Intelligenz dieser Tiere nicht unterschätzen.

Diese Gemeinde veranstaltete zum Auftakt des XL-Jahres einen Neujahrsapéro. Die Gemeinde am Jurasüdfuss wird in diesem Jahr 2005 nämlich immerhin 725 Jahre alt – und das rechtfertigt ein Fest von der Konfektionsgrösse XL. Aber nicht nur Menschen mit einem Brustumfang zwischen 110 und 117 cm und einem Bundumfang zwischen 100 und 109 cm werden damit angesprochen, sondern alle Kleidergrössen zwischen S und XXL.

Beim Apéro im Schulhaus wurden Fruchtsäfte, Wein, Brot, Speckzopf und Käse serviert, und der Gemeindeammann, Peter Frei, richtete besinnliche und zuversichtliche Worte an die Festgemeinde, ein Aufruf zu einer lebendigen Dorfgemeinschaft mit allen Attributen persönlicher Wertschätzung und gegenseitigen Einvernehmens. Man prostete einander fleissig zu, um die amtliche Forderung gleich in die Tat umzusetzen. Zum Teil geschah dies mit einheimischem Wein, der zwischen der Post und dem unteren Eingang ins Dorfzentrum wächst; die Rebstöcke vermögen die Traubenbehänge im Herbst jeweils kaum zu tragen.

Man unterhielt sich über die Lage im engeren und weiteren Bereich, versuchte sich über ein paar negative Schlagzeilen hinwegzutrösten, welche die friedliche Gemeinde in den Tagen zuvor über sich hatte ergehen lassen müssen: Ein merkwürdiger tödlicher Horrorunfall, bei dem ein auf der Strasse liegender, offenbar betrunkener Mann vom Gebiet Aabach bis zum Quartier Wissenbach von einem Auto überrollt rund einen Kilometer weit mitgeschleift worden war, und da war ja auch noch der verhängnisvolle Brand in der Bibersteiner „Aarfähre“ (Blog vom 2. Januar 2005: „Giftgase aus Feuerwerk und Schwelbränden“). Was kann man machen? Schicksal. Wir können nichts dafür. Mitgefühl für die Betroffenen.

Mit einem sozialpolitisch aktiven Einwohner unterhielt ich mich über die demographische Struktur der Gemeinde mit ihren knapp 1100 Einwohnern. Wir kamen auf eine 86-jährige, selbstbewusste Frau, Frieda Bähler, zu sprechen. Sie wohnt beim Hohlenkeller und erhielt einen Gutschein für Lebensmittel im Wert von 100 CHF (in Worten: einhundert). Sie hatte diesen gewonnen, weil sie sich an einer Umfrage über einen Dorfladen beteiligt hatte. Die Gewinnerin lebt in bescheidenen Verhältnissen, holt die Frischmilch in einem Kesseli zu Fuss beim Bauern Nadler, ein ordentlicher Marsch hin und zurück. Sie kocht, putzt, pflegt sich und macht regelmässig Körperübungen, um beweglich zu bleiben. Den Gutschein aber nahm sie nicht an. Sie kauft, wo sie will und lässt sich auch nicht durch einen Bon vorschreiben, woher sie ihre Lebensmittel zu beziehen hat. Punkt.

Frau Bähler legt Wert auf Selbstbestimmung und Selbstständigkeit. Mein Gesprächspartner, der den Gutschein überbracht hatte und gleich wieder mitnehmen musste, sagte dazu sinngemäss, eigentlich wolle doch kein Mensch in ein Altersheim. Diese Institutionen seien eine Fehlplanung. Ich stimmte ihm zu: Im Prinzip sollte man die Haus- und Nachbarschaftspflege ausbauen und für Menschen, die sich nicht mehr selber versorgen können, Pflegeheime zur Verfügung stellen. Da waren wir uns einig. Allerdings sind die Kosten dieser Pflegeheime oft exorbitant, fressen das Ersparte bald einmal auf.

Alle die Menschen, die nicht in ein Altersheim oder ein Pflegeheim wollen, tun gut daran, sich um ihre Gesundheit zu kümmern, zu ihr Sorge zu tragen, was keine Einbusse an Lebensqualität sein muss; oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Wir nahmen noch einen Schluck. Eine gesunde, langsam gewachsene frische Ernährung ist wohlschmeckender als die Industriekost – das beweisen auch die besten Köche. In den Altersheimen fehlt es meistens an jenen Aktivitäten und alltäglichen persönlichen Herausforderungen, die ein Mensch braucht, um vital zu bleiben, auch wenn sich die Heimleitungen oft alle Mühe geben, um für Aktivitäten und Unterhaltung zu sorgen.

Umgekehrt liefern viele alte Menschen den Beweis dafür, dass Aufgaben im Rahmen der normalen Lebensbewältigung geradezu Gesundheitsgaranten sind – siehe Frieda Bähler. Sie haben keine Zeit zum Kranksein. Eine gute Zwischenlösung sind immerhin die Alterssiedlungen, wo die persönliche Lebensgestaltung möglich ist und im Bedarfsfall die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung steht.

Man hört oft das Unwort „Überalterung“. Darin schwingt die Aussage mit, dass viele Menschen zu alt, übermässig alt, seien. Medizin und Chirurgie tragen dazu bei, dass Menschen älter werden. Sie leisten ebenfalls oft einen Beitrag zu chronischen Krankheiten, die oft eine Folge des übermässigen Medikamenteneinsatzes sind. Dabei könnten viele Befindlichkeitsstörungen schonend und ambulant erledigt werden, würde der richtige Arzt oder Naturheiler gefunden. Durch Fachliteraturstudien kann man sich selber Kenntnisse über einfache gesundheitliche Zusammenhänge verschaffen und sich in die Lage versetzen, Risiken weitgehend zu vermeiden.

Gegen das Altwerden ist nichts einzuwenden, ja es ist eine unwahrscheinliche Chance, wenn man es bei Wohlbefinden und Vitalität erleben kann. Dabei kommt es nicht einfach auf die Zahl der Lebensjahre an, sondern es zählen nur die Zeiten, in denen man das Leben geniessen konnte.

Das Jahr 2005 ist noch jung, jedenfalls nicht zu alt, um gute Vorsätze zu fassen und sie sofort zu verwirklichen beginnen; man kann das immer tun, auch noch im November. Wer seine Gesundheit aufbaut und zu erhalten trachtet, wird wesentlich mehr vom Alter haben – besonders wenn sie und/oder er im eigenen, vertrauten Wohnumfeld bleiben dürfen, in dem man sich geborgen fühlt. Und 725 Jahre alt wie die Gemeinde Biberstein möchte dennoch niemand werden.

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