Textatelier
BLOG vom: 20.12.2006

Gesichtsblindheit: Wo haben wir uns schon gesehen?

Autor: Emil Baschnonga, London
 
Ich bin zufällig über die Arbeiten des Dr. Ingo Kennerknecht von der Universität Münster D gestolpert. Er ist eine Autorität zur Gesichtsblindheit, auch Prosopagnosis (PA) genannt. Leute, die an PA leiden, fällt es schwer, bekannte Gesichter zu erkennen, sogar ihr eigenes. Dieses Gebresten (Mangel, Gebrechen) ist vererbbar oder wird durch Unfälle ausgelöst wie auch Dementia (die Alzheimer Krankheit), und wurde zuerst vom deutschen Neurologen Joachim Bodamer im Jahr 1947 erkannt.
 
Ich weiss nicht, wohin dieses Blog führen wird. Am liebsten möchte ich darüber eine Fantasiegeschichte – etwa über den Mann, der sein Gesicht verloren hat – schreiben. Doch zuerst muss ich mich fragen, ob auch ich Gesichter wiedererkennen kann oder nicht, von Leuten etwa, denen ich einst begegnet bin. Namen, das weiss ich, entfallen mir leichter als Gesichter. Beim Thema geblieben, stelle ich zu Gesichtern fest:
 
Ja, ich vergesse besonders Gesichter, die ich jahrelang nicht gesehen habe, worunter die Gesichter meiner Kameraden aus der Schulzeit. Mir sind ihre Jugendgesichter haften geblieben. Inzwischen sind sie gealtert, und ihre Gesichter haben sich derart verändert, dass ich sie heute nicht mehr erkennen könnte. Auch sie werden mich wohl kaum mehr erkennen. Das mag erklären, warum ich, wenn ich in meiner Heimatstadt Basel die Freie Strasse herunter gehe, keinen Bekannten von einst begegne – gewisse Ausnahmen vorbehalten. Ihre Wangen sind eingefallen; sie sind ergraut oder haben ihr Kopfhaar eingebüsst. Lassen wir dieses traurige Kapitel hier fahren.
 
Angenommen, wir fahren dicht gedrängt in einem Bus oder in der U-Bahn, verblassen uns Gesichter ringsum leicht zu einem gesichtslosen Brei. Man hat keine Lust, sie wahrzunehmen. Viele Menschen vergraben sich dabei in die Lektüre ihrer Zeitung, besonders in London, verstecken ihre Gesichter dahinter. Ich selbst halte es anders. Neugierig veranlagt, beobachte ich gern heimlich meine Mitmenschen und entdecke immer wieder jemand, dessen Gesicht oder Gebaren mich fesselt. Kann ich mich später noch an ein solches Gesicht erinnern? Wohl kaum, es sei denn, ich habe es bewusst in der hinteren Schublade meiner rechten Hirnhälfte gespeichert – dem Sitz der visuellen Erinnerungsfähigkeit. In dieser Rumpelkammer der Erinnerungen wühle ich hin und immer wieder und suche nach einem passenden Gesicht zu einer Geschichte, die ich schreiben will.
 
Als ich noch werktags jeweils zur gleichen Zeit ins gleiche Gefährt stieg, sah und erkannte ich die meisten Gesichter meiner Mitreisenden auf Anhieb. Nach einem Weilchen, in England kann das Monate, wenn nicht Jahre dauern, nickt mir dieses oder jenes Gesicht zu. Wir grüssen einander. Eines Tages rutscht man miteinander ins Gespräch. Dann wird das Gesicht zur Person und damit unvergesslich.
 
John war wesentlich älter, als ich mit ihm Bekanntschaft schloss – hin und her zur Arbeit oder nach Hause fahrend zwischen West Croydon und Wimbledon. Er war ein Schotte und hatte einen bissigen Humor. Viele Jahre später stand er vor mir in der Warteschlange bei der Bushaltestelle. Er hielt nach dem Bus Ausschau, der wie üblich auf sich warten liess. Mensch, der ist wirklich alt geworden, dachte ich zu mir. Sollte ich ihm auf die Schultern klopfen und sagen: „Sapperlot! So ein Zufall, wie geht es dir?“ Nein, ich unterliess es, und bedaure dies jetzt. Ist sein ihm eigentümlicher Humor erhalten geblieben?
 
Knifflige Frage: Kann ich mich an mein eigenes Gesicht erinnern? Vor dem Spiegel erkenne ich mich wohl. Vielleicht bin ich eitel: Ich kann mich an ein jüngeres Gesicht als ich es heute trage erinnern. Ich versuchte, das gegenwärtige aus dem Gedächtnis zu skizzieren. Das misslingt mir zuerst, aber beim 3. Mal erhasche ich einige Kennzeichen meines Gesichts, auf die ich hier nicht näher eingehen will, weil sie mir nicht schmeicheln.
 
Mit den Gesichtern von Japanern und Chinesen habe ich Schwierigkeiten, obwohl jeder von ihnen gewiss seine eigene Physiognomie hat, so gut wie wir. Nur glaube ich, dass unsere westlichen Augen schlecht auf sie eingespielt sind. Wer lange in Japan oder China gelebt hat, wird wohl besser zwischen ihnen zu unterscheiden wissen.
 
Der Gesichtsschwund vor unseren Augen hat heute eine neue Ursache. Die kosmetische Chirurgie ist daran beteiligt: Alle zeigen perlenweisse Zähne. Raffzähne oder schräg gestellte Schneidezähne sind rar geworden, Zahnlücken sind überbrückt, Gesichtsfalten geglättet, Doppelkinne entfernt, die Lippen der Frauen künstlich aufgeplustert usf. Zwischen solchen Alltagsgesichtern ist schwer zu scheiden: Alle haben die gleichen Eierköpfe.
 
Wie kommt jemand mit ausgeprägter Gesichtsblindheit zurecht? Hilft ihm die Stimme aus der Patsche, die Kleidung, die Körpergrösse unter vielen anderen Variablen? Es muss für ihn oder sie schwierig sein, einen Film zu verfolgen. Wer davon heimgesucht ist, kann allenfalls Kurzsichtigkeit vortäuschen, den zerstreuten Professor spielen, den Leuten auf die Schuhe schauen oder wie Hans-Guck-in-die Luft durchs Leben gehen. Warum nicht vorgeben, betrunken zu sein? Besonders um diese Jahreszeit sind viele echt betrunken – und erkennen selbst ihre nächsten Verwandten nicht mehr. Und da es die Verwandten auch sind, erkennt bald niemand niemand mehr.
 
Mitunter kommt es auch vor, dass wir Leute miteinander verwechseln, was ebenfalls peinlich ist. Eine vermeintlich „alte Flamme“ entdecken wir unterwegs … Na ja, das wäre auch eine Geschichte wert.
 
Besser vertage ich auch diese Geschichte ins nächste Jahr. Inzwischen wünsche ich uns allen, dass wir lauter freundlichen Gesichtern begegnen, denn diese bleiben haften.
 
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