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BLOG vom 09.07.2006


Schlagseiten des Gleichheitsprinzips: Alter vor Schönheit
Autor: Walter Hess
 
Vor der Emanzipation, der gesellschaftlichen Gleichstellung der Frau, waren wir Männer die Krone der Schöpfung und die Damen etwas besonders Erhabenes, das bevorzugt behandelt werden musste. In der Schweiz erhielt das weibliche Geschlecht die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) 3 Jahre früher als wir Männer; es musste nicht unbedingt Militärdienst leisten und wurde immer mit besonderer Höflichkeit bevorzugt behandelt. Wir haben die Damen auf den Händen herumgetragen, uns bei Abstimmungen und Wahlen ihrem Willen gefügt, bis uns einige Feministinnen mit dem Drohfinger zu verstehen gaben, damit müsse nun endlich Schluss sein. Das Gleichstellungsprinzip war da.
 
Das Frauenstimmrecht auf politischer Ebene wurde in der Schweiz, diesem seltsamen Land, am 1. Februar 1971 aufgrund einer Volksabstimmung eingeführt. Und es hat mich in der Folge erstaunt, dass die Mehrheit der stimmberechtigten Frauen offenbar ihre Geschlechtsgenossinnen nur sehr zurückhaltend in politische Ämter wählt; sie vereinen ja die Mehrheit der Wahlzettel auf sich, das heisst, es gibt mehr wahlberechtigte Frauen als Männer. Sonst hätte man nie über einen Quoten-Nonsens nachdenken müssen. Und die Schuld für dieses geschlechtliche Ungleichgewicht in politischen Ämtern wurde dann gerade noch unserer Männer-Minderheit in die Schuhe geschoben. Das ist für mich eines der vielen ungelösten Rätsel auf dieser Erde. Warum wollen Frauen (fast) keine Frauen in politischen Ämtern sehen? Im Geschäftsleben blieben die Frauen in den oberen Etagen lange zweitrangig, und hier besteht in Bezug auf die Gleichstellung noch immer Handlungsbedarf, wie man so sagt. Noch nie hat mir jemand dafür die Begründung nennen können, zumal ja wirklich nicht alles, was die Männer-Herrschaft hervorgebracht hat, über jeden Zweifel erhaben ist.
 
Alle sind gleich
Die Gleichheit der Menschen ist ein ehrenwerter Grundsatz jeder anständigen Verfassung, Grundlagen des Zusammenlebens: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Auch im deutschen Grundgesetz heisst es (in Artikel 3.3): „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Daraus ergibt sich eine Gleichstellung, die auch als Verbot der Diskriminierung verstanden werden kann. In der Schweiz hielt 1981 ein Artikel Einzug in die Bundesverfassung, welcher die Gleichbehandlung von Mann und Frau garantierte (heute Art. 8 Abs. 3), und seit Juli 1996 ist ein Gleichstellungsgesetz in Kraft.
 
Soweit ein paar Gleichstellungsbruchstücke, die wohl niemand als falsch bezeichnen möchte, nicht einmal ich selber, obzwar ich im Allgemeinen kein Freund von Vereinheitlichungen bin: Mir ist eine artenreiche Wiese lieber als ein Rasen aus einem einheitlichen englischen Raygras. Ich schätze eine kulturelle Vielfalt mehr als eine Multikulti-Einfalt (deshalb ist mir auch eine Einheitswelt zuwider), und ich esse auch nicht täglich gern das Gleiche. Der sich ständig verbreiternde Mainstream (Gleichheit im Denken) ist mir in jeder Form ein Gräuel, besonders jener, von dem sich die meisten Medien gedankenlos treiben lassen und der sich dann über ganze Volksstämme ausbreitet.
 
Vereinheitlichungen sind immer Schematisierungen, die keinem Individuum gerecht werden. Es gibt nicht nur gewisse Unterschiede zwischen Frau und Mann, sondern kein Lebewesen ist genau gleich wie das andere. Auch jeder Arbeitnehmer hat andere Fähigkeiten, eine andere Leistungsbereitschaft, einen anderen Charakter, der sich auch auf seine Arbeitsweise und Produktivität auswirkt. Würde man da einen Einheitslohn ausrichten, wäre das auch wieder ungerecht. Und es wäre unzumutbar, wenn man verlangen würde, dass alle Menschen die gleiche Nahrung und die gleichen Getränke zu sich nehmen müssten (wenn sie das im Rahmen der Cocacolonialisierung und Verhamburgerung freiwillig tun, ist das eine andere, ihre persönliche Sache). Das Naturprinzip ist die Vielfalt, das Menschenprinzip die Einfalt.
 
Das Gleichheitsprinzip war das wesentliche Element der grossartigen Idee des Kommunismus: Eine klassenlose Gesellschaft ohne irgendwelche soziale Unterschiede, und alles gehörte allen – mit Ausnahme jener, die etwas mehr davon hatten und über den Rest der Gleichgeschalteten bestimmen konnten. Wäre das Gleichheitsprinzip die Wunderlösung, müsste sich der Kommunismus, obzwar in etwas bereinigter Form, weltweit durchgesetzt haben. Er war aber eine reine Pleite, ein Verstoss gegen die Individualität. Und noch weniger wird es funktionieren, wenn man der ganzen Welt die amerikanischen Geschäftsprinzipien (mit der Möglichkeit zu Raubzügen) als Bestandteil der neoliberalen Philosophie aufgezwungen hat und die kommunistischen Muster unter neuen Bezeichnungen hervorbringt.
 
Die Begrüssungs-Reihenfolge
Man wird also noch einige Zeit damit beschäftigt sein, es allen recht zu tun, bis die Neue Weltordnung alles vereinheitlicht hat. Und es ist begrüssenswert, wenn sich Menschen Gedanken über den entsprechenden Vollzug machen. Das taten die Autoren der Fax-Botschaft, die am 11. Mai 2006 aus meinem Gerät herunterhing und die sich eines besonders wichtigen Aspekts menschlichen Zusammenlebens annahm. Der Titel: „Die Begrüssungs-Reihenfolge.“ Absender war ein mir unbekanntes „Gleichstellungs-Aktionskomitee für Männer und Frauen“, Postfach 1411, CH-8048 Zürich. Ich weiss nicht wer dahinter steht, nur was drinnen steht (mit der Bitte um Weiterverbreitung). Ich zitiere im Wortlaut:
 
„Einerseits wird in feministischen Kreisen immer mehr beobachtet, dass in jedem Fall generell (gleichgültig wo und wann) weibliche Personen zuerst berücksichtigt werden, andererseits gibt es immer mehr echt emanzipierte Frauen, welche den Männern in Sachen Höflichkeit nicht nachstehen und ebenfalls dem anderen Geschlecht den Vortritt geben möchten.
 
Im Zeitalter der Gleichberechtigung gilt somit wieder die altbekannte Regel: ‚Alter kommt vor Schönheit’. So handelt es sich z. B. um einen unverzeihlichen Faux-Pas, wenn eine Person im Extremfall die Hand, welche ihr von einem Mann zur Begrüssung entgegengestreckt wird, unter der Begründung zurückweist, man wolle zuerst die Frau begrüssen. (Selbstverständlich wäre auch der umgekehrte Fall, wenn die Hand einer Frau mit der analogen Begründung zurückgewiesen würde, ein ebenso grosser Affront.)
 
Die Regel ,Alter kommt vor Schönheit’ gilt jedoch ganz allgemein und somit auch bei der Anrede in Briefen, in welchen zuerst die ranghöhere oder ältere Person angesprochen wird. Dies gilt aber auch für Geschäftsbriefe wie z. B. bei der Auflistung der Vertragspartner, Reise- oder Versicherungs-Teilnehmer.
 
Falls z. B. bei 2 Personen beide in einem ähnlichen Alter sind, ist Folgendes abzuschätzen:
a) welche Person möglicherweise gerne die ältere und erfahrenere ist
b) und welche vermutlich beleidigt sein wird, wenn man sie älter macht.
 
Bei Notariats- und Rechtsanwaltsbüros galt schon früher in den Verträgen die Reihenfolge:
‚Verkäufer’ − ‚Käufer'
‚zu Lasten’ − ‚zu Gunsten’
und somit die analoge Reihenfolge für die entsprechenden Grundstückinhaber. Wenn jedoch alle Stricke reissen, gilt auch hier die oben erwähnte, altbekannte Reihenfolge: ‚Alter kommt vor Schönheit’.
 
Eine weitere Anwendung findet diese Regel bei der Bedienreihenfolge in Restaurants, wo beim Auftischen des Essens ebenfalls diese natürliche Reihenfolge eingehalten wird. Hier besteht allerdings auch die Möglichkeit, dass der Gast eine korrekte Bedienung mit einem Trinkgeld honorieren kann, obwohl dieses eigentlich schon vor Jahren abgeschafft wurde.“
 
Soweit das Fax aus der Gleichstellungsküche, das zwischen den Zeilen in Erinnerung ruft, dass Gleichstellung im Prinzip die Beseitigung von geschlechterspezifischen Vorzugsbehandlungen bedeutet – und zwar auf beiden Seiten. Aber weil es im Alltagsleben ohne gewisse Reihenfolgen nicht geht, wird zum Beispiel, wie im vorliegenden Fall, das Alter zur bevorzugten Eigenschaft, wie das in vielen Kulturen wie der chinesischen Tradition ist. Eine andere Möglichkeit wäre, nach Körperlänge vorzugehen – oder nach Körpergewicht oder aber indem man Mieter gegenüber Eigenheimbesitzern bevorzugen würde, weil sie aus ökologischer Sicht vorteilhafter sind. Die Liste könnte beliebig verlängert werden.
 
Ranking-Kriterien
Die Sache mit der Schönheit funktioniert nicht, weil sie nicht messbar und eine reine Ansichtssache ist. Und auch mit dem Charme lässt sich diesbezüglich aus ähnlichen Gründen wenig anfangen.
 
Da bleibt das Alter, auch wenn Menschen kein Nummernschild tragen, auf dem der Jahrgang steht. Im Geschäftsleben werden ältere Mitarbeiter heute oft diskriminiert und junge bevorzugt – da wäre also auch noch ein gewisser Gleichstellungsbedarf vorhanden. Aber was heisst schon Alter? Wir alle werden jeden Tag einen Tag älter, schlagen uns irgendwie durch. Ist das ein Verdienst, sich an möglichst vielen Tagen durchgeschlagen zu haben? Mit der Alterung braucht nicht unbedingt ein Reifeprozess einher zu gehen. Viele Erwachsene finden aus der Pubertät nicht heraus oder fallen gar in dieses Stadium zurück.
 
Aber eine Begrüssung nach dem Grad des vorangeschrittenen Reifeprozesses ist auch wieder nicht praktikabel. Aus diesem Mangel an klaren Kriterien heraus könnte man ja auch die Regel aufstellen, dass jedermann seine Begrüssungs-Reihenfolge selber festlegen soll, gerade so wie es sich ergibt, etwa nach dem Eintreffen der Leute oder der Reihe nach, wenn sie aufgereiht sind. Man sollte sich da wohl weniger Zwänge antun und sich locker (entkrampft) und anständig verhalten. Und akzeptieren, dass gewisse Unterschiede normal und lebensbereichernd sind, genau wie in der urwüchsigen Natur auch. Selbstbewusste werden damit wenig Mühe haben.
 
Buchhinweis
Hess, Walter, und Rausser, Fernand: Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann", Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-0-7. CHF 37.20, EUR 24.10.
 
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