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     November 27, 2020 21:38 CET
 


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Begann wirklich alles mit dem Matriarchat?

"Soeben habe ich im Internet das Interview mit Heide Göttner-Abendroth zum Matriarchat gelesen (http://213.198.63.254/dom/ich-net/auszuege/26.shtml), das in Ihrer Antwort auf die Frage zur Landschaftsmythologie erwähnt ist. Diese Thematik interessiert mich sehr, und ich habe mir zu den Thesen der erwähnten Matriarchatsforscherin meine Gedanken gemacht:

1. Neben sicher seriösen Forschungsresultaten aus der Archäologie, Ethnologie usw. bleibt Vieles im Ungewissen hängen: Wie können wir heute noch beurteilen, wie gut oder schlecht diese matriarchalen Gesellschaften funktionierten in psychologischer, sozialer, emotionaler Hinsicht? Da sehe ich bei H.G.-A. zu viel Phantasie, zu viel ideologische Idealisierung in der Darstellung dieser Gesellschaftsform. Wenn sie wirklich so funktioniert hat, wie H.G.-A. dies präsentiert, so wäre das ja schon fast das irdische Paradies gewesen. Ob so etwas bei der psychisch-geistig-materiellen Anlage des Homo sapiens möglich war, daran zweifle ich sehr.

2. Wäre das Matriarchat wirklich so ideal gewesen, so hätte es eigentlich als die geistig stärkere Strömung das sog. Patriarchat überleben müssen. Es bleibt die grosse Frage: Weshalb ist die matriarchalische Gesellschaftsstruktur untergegangen, falls sie überhaupt je so existiert hat, wie Göttner-Abendroth es darstellt?"

B.P., CH-4410 Liestal

Antwort: Ihre Skepsis teile ich vollauf. Die in Thüringen geborene Philosophin, Feministin und Mythenliebhaberin Heide Göttner-Abendroth (www.goettner-abendroth.de) biegt meines Erachtens manches in Richtung einer feministischen Betrachtungsweise zurecht, eine Art Thesenforschung, ähnlich dem Thesenjournalismus. Leseprobe: "Einmal zerbrach die Kommunikation zur Natur hin. Wenn man die Natur beherrscht, macht man keine Kommunikation mehr mit ihr. Dann unterwirft man sie, schaut ihre Regeln ab und benutzt sie. Dann zerbrach die Kommunikation zwischen den Geschlechtern. Wenn die Männergruppe die Frauengruppe beherrscht, dann braucht man nicht mehr zu kommunizieren. Man schaut nur noch hinter dem Rücken der anderen, wie reagieren die, um sie über ihre Reaktionen zu beherrschen."

Geschichtsschreibung, die etwas auf sich hält, müsste die zugrunde liegenden Fakten oder die benutzten Quellen angeben; doch Heide Göttner hält im Interview der von ihr verwunschenen "patriarchalischen Ideologie" einfach eine matriarchalische entgegen und begründet das mit "archäologischem, ethnologischem, kulturgeschichtlichem Material", ohne dies genauer zu benennen. Sie setzt der Männerforschung, entstanden innerhalb des Wissenschaftsbetriebes der herrschenden Männer, eine betonte Frauenforschung entgegen.

Göttner-Abendroth geht davon aus, dass am Anfang die harmonierende Dominanz der Frauen beziehungsweise Mütter war ("Matriarchische Gesellschaften sind keine Herrschaftssysteme"), gegen die sich die Herren der Schöpfung zur Wehr setzen mussten und infolgedessen die Männerherrschaft einrichteten. Punkt. Warum denn eigentlich? Anders in Asien: Dort waren laut der Forscherin vor einigen Jahrtausenden Klimakatastrophen dafür verantwortlich, dass im asiatischen Raum blühende Matriarchate untergingen. Angesichts der sich abzeichnenden neuen Klimakatastrophe dürften bald einmal alle Herrschaftssysteme das Zeitliche segnen, wie man beizufügen geneigt ist...

Die Wissenschaftlerin Margarete Mitscherlich hat sich im Oktober 2000 in Berlin ("Berliner Lektionen") differenzierter mit geschlechterspezifischen Systemen befasst und dabei u.a. festgestellt: "Dass dem Patriarchat ein Matriarchat vorausging, ist wahrscheinlich, aber als ein nachahmenswertes Vorbild, das traditionsabbildend sein könnte, ist es kaum zu gebrauchen. Prähistorische Funde zeigen, dass Idole oft Frauen darstellen. Auch der Artemis-Kult der Antike in Ephesos (und an anderen von Archäologen erforschten Orten), mit den dort gefundenen Artemis-Statuen und Reliefs von Amazonen, hat noch in den Zeiten von Paulus zu grossen Auseinandersetzungen zwischen ihm und den Bewohnern von Ephesos geführt. Aber trotz dieses Kultes, trotz der weiblichen Götterbilder herrschten auch damals die Männer. Seit Entstehung der Schrift, d. h. seit Beginn einer historischen Überlieferung, wurden Frauen vom Patriarchat beherrscht, wenn es auch im Laufe der ahrhunderte Unterschiede in der Machtverteilung der Geschlechter und der Erbfolge gegeben hat. Die Ursache für die Vorherrschaft des Mannes wurde auf seine grössere körperliche Stärke zurückgeführt. Mag dem so sein oder nicht, jedenfalls ist in unserer technisch-industriellen, vom Computer zunehmend beherrschten Welt die Macht von körperlicher Kraft längst unabhängig geworden. Information und Kommunikation sind zu den wichtigsten Faktoren auf den Weltmärkten geworden. Dafür werden - auch bei den Führungskräften – bisher als weiblich bezeichnete Fähigkeiten besonders gebraucht, wie Einfühlung, Sensibilität und schnelle Erfassung des anderen Menschen, seiner Reaktionen und Stimmungen. Deswegen - die Kunde hörten wir schon – wird das 21. Jahrhundert das der Frauen sein."

Ich teile die Vermutung, dass die Vorrangstellung des Mannes unter Herden- und Rudeltieren, die für sich und ihre Angehörigen ums Überleben kämpfen mussten, wahrscheinlich die natürliche war. Innerhalb von kleineren familienähnlichen Gemeinschaften und wohl auch Dorfgemeinschaften könnte vielleicht die Rolle der Frauen und Mütter die bestimmende gewesen sein. Aber eben: das ist eine Vermutung, entstanden aus banalen Zweckmässigkeitsüberlegungen. Matriarchat? Patriarchat?

Wahrscheinlich ist es unmöglich, im Rahmen einer differenzierten historischen Forschung zu klaren Aussagen im Schwarz-Weiss-Stil zu kommen. So braucht es – um ein bekanntes Beispiel zu nennen – zum Zeugen von Kindern beide Geschlechter, wenn ich mich richtig erinnere, und es wäre müssig zu fragen, wer dabei denn die wichtigere Rolle spiele, die Frau oder der Mann. Beim Heranwachsen der Kinder war es lange so, dass der Mann die benötigten Materialien herbeischaffte, und die Mutter gewissermassen die Detailarbeit (inkl. den grossen Teil der Erziehung) im Hause besorgte. Beide trugen und tragen wohl noch heute zum Funktionieren einer Gemeinschaft bei. Ob sich die Rollen inzwischen mehr oder weniger geändert haben, ist im Prinzip gleichgültig, wichtig bleibt nur, dass sich alle Familienangehörigen ihren Bedürfnissen entsprechend entwickeln können und günstige Entfaltungsmöglichkeiten in einer Atmosphäre von Geborgenheit schaffen.

Ich erinnere mich an die Einführung des Frauenstimmrechts im Schweizer Halbkanton Appenzell-Innerrhoden (1990), der diesbezüglich am bockbeinigsten war und die Sache am längsten hinausgezögert hatte. Viele Appenzellerinnen brauchten und wollten das Stimmrecht in kantonalen Belangen eigentlich nicht. Sie hatten das Sagen auf ihrem Heimetli (auf ihrem bäuerlichen Anwesen) und instruierten ihren Mann auch darüber, wofür und wogegen er an der Landsgemeinde zu stimmen hatte. Sozusagen indirekte direkte Demokratie. Auch diese Sache funktionierte zur Zufriedenheit aller. Meine Mutter ihrerseits füllte alle Stimmzettel und Wahlzettel aus, weil sie sich (im Gegensatz zum Vater) lebhaft für Politik interessierte, und der Vater hatte einfach die Aufgabe, den Wahlzettel in die Urne zu werfen. Matriarchat? Als in der Schweiz die Frauen die volle Gleichberechtigung und das Stimmrecht hatten, was absolut richtig und zeitgemäss ist, stellte es sich heraus, dass die vorhandene Mehrheit der Frauen alles andere als eine Mehrheit von Frauen in die politischen Ämter wählte; wahrscheinlich stammen die meisten Stimmen für Frauen aus der Männerdomäne... Feministinnen begannen deshalb, an Mindestquoten herumzustudieren.

Wie will man angesichts solcher sich überlappender Kompetenzen exakt zwischen Patriarchat und Matriarchat unterscheiden? Wenn bei unserem Haus im steinigen, harten Boden der Aushub für einen Baum vorgenommen werden muss, liegt das Pickeln und Schaufeln an mir, und die Frau kocht inzwischen kräftigende Kräuteromeletts. Was ist wichtiger? Es brauchte gewiss schon zu jeder Zeit beide Geschlechter (siehe Zeugung), und je nach den Anforderungen wurden die verschiedenen Aufgaben von jenem Teil wahrgenommen, der sich besser dazu eignete. Jedenfalls wäre das die zweckmässige Lösung. Andere Zeiten, andere Aufgaben, andere Rollenverteilungen mit fliessenden Übergängen.

Offensichtlich sind all die Matriarchats- und Patriarchatsphilosophien Adaptationen (Angleichungen) an unser banales und simplifizierendes Gut-und-Böse-Schema, nach welchem am wohl ausgeprägtesten die US-Politik funktioniert. Hier geht es weniger um unterschiedliche Geschlechter als vielmehr um kulturelle Unterschiede, denen keine Toleranz entgegengebracht wird. Das Motto: "Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein." Schwestern werden dabei auch nicht verschont.

Dieses verhängnisvolle simplifizierende dualistische Denken, zu dem vorwiegend die biblischen Religionen angespornt haben (Himmel – Hölle, Gott – Teufel, Lamm – Schlange, Mann – Frau, Christen – Heiden) begründet manchen Streit und manchen Krieg. Da findet keine Toleranz Platz; da lässt man keine Andersdenkenden und Andershandelnden gewähren. Und man sieht keine beflügelnden Chancen, die sich aus Unterschieden ergeben, aus Ergänzungen, die das Ganze vollenden könnten.

Diese Zweiteilung hat im Wesentlichen wohl den Kampf der Geschlechter inszeniert – vom Matrizentrismus zum Patrizentrismus. Oder war es eben doch umgekehrt?

wh.

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