Gegenpole in der Mentalitätsgeschichte Deutschland – Schweiz am Beispiel der Lehre vom Abendmahl
Zwingli, Paracelsus und Sebastian Castellio als Repräsentanten eines republikanischen Verständnisses des Glaubens.
Referat vor der Deutschen Bombastus-Gesellschaft Dresden am Dienstag, den 29- September 2026, vgl. deren Homepage. Dr. phil. Pirmin Meier, langjähriger Mitarbeiter von www.textatelier.com, ist seit 1994 mit dieser Gesellschaft, einer Schwestervereinigung der 1942 gegründeten Schweizerischen Paracelsus-Gesellschaft, eng verbunden, u.a. über jahrzehntelange Kontakte mit den Wissenschaftshistorikern Prof. Siegfried Wollgast (1933 – 2017) (Dresden) und Prof. Bernd Meyer (Freiberg). Bei der Frage nach den Mentalitäten, auch die Schweiz und Deutschland betreffend, spielen theologische und religionsgeschichtliche Gesichtspunkte eine nicht geringe Rolle, wie aus diesem ausgezeichnet besuchten Vortrag hervorgeht.
Aus dem Inhalt:
- „Wer kommuniziert mit wem?“ Religiös und säkularisiert
- Luther: Zwinglis Tod kein Glaubenszeugnis
- Dogmen als Grenzen der Toleranz (Castellio)
- Wer das Gotteswort richtig interpretiert
- Auf welche „Wandlung“ kommt es an?
- Wie steht man als Reformator zu den Fürsten?
- Ehe, Zölibat, Konkubinat
- Wie ein Streit Identitäten stiftet
- Zur Frage der Mentalitäten
- Literaturverzeichnis (abgekürzt)
„Wer kommuniziert mit wem?“ Religiös und säkularisiert
Dass in der westlichen sogenannten aufgeklärten Welt menschliche Orientierungen einerseits wissenschaftlich, andererseits religiös grundiert sind, vom rein Politischen hier zu schweigen, lässt sich historisch nachweisen. Radikale Kritik an abendländischen Gesellschaftsordnungen und Glaubensvorstellungen, von den Freimaurern bis zur Französischen Revolution, lief sinngemäss auf die Konstituierung einer Art Zivilreligion hinaus. Symbol dafür wurde 1794 die Umwidmung der Kathedrale Notre Dame de Paris zum Heiligtum des Höheren Wesens. Dessen Existenz wurde von der Französischen Nationalversammlung beschlossen. Heute ist vielfach von „Grundwerten“ die Rede, die auch in Deutschland nicht zur Disposition von Wahlen und Abstimmungen stehen. Zitiert wird oft das sog. Böckenförde-Axiom: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.
Gemeint: was vor jeder Debatte sozusagen diskussionslos vorausgesetzt wird, so die gemäss Grundgesetz angeblich unantastbare Menschenwürde. Dass einst als eine dieser Voraussetzungen einer Gemeinschaft auch die Frage gehörte, wer mit wem kommuniziert, gemeint nicht Austausch von SMS, sondern kirchliche Abendmahlsgemeinschaft. Dies hängt mit den Werte-Prioritäten der Frühen Neuzeit zusammen. Ob religiös oder zivilreligiös: wir nähern uns hier Bereichen des Diskurses, wo die Toleranz früher oder später an ihre Grenzen gelangt. Hier beginnen, in Religion oder Politik, die jeweiligen «wahren Meinungsverschiedenheiten». Deswegen kommen wir auf Sebastian Castellio zu reden, den lange vergessenen Zeitgenossen von Luther und Paracelsus, der es mit einem einzigen Satz zu den heute am häufigsten zitierten Humanisten geschafft hat. Ich möchte aber davor warnen, den historischen Streit um das Abendmahl als Galerie von Spitzfindigkeiten abzutun. So wenig es für die russische Orthodoxie eine Kleinigkeit darstellt, ob man das Kreuzzeichen mit zwei Fingern oder mit deren drei schlägt – wahrer Gott und wahrer Mensch – oder dann nach eher westlicher Art als Bekenntnis zur Heiligen Dreifaltigkeit. Der Mensch lebt fürwahr nicht vom Brot allein, sondern von der Art, wie er die letzten Gründe seiner Existenz verstehen will, ob für sich allein oder kollektiv.
Luther: Zwinglis Tod kein Glaubenszeugnis
Als Zürichs Reformator Huldrych Zwingli 1531 Opfer des von Zürich losgerissenen Religionskrieges gegen die katholischen Bergler wurde, empfand Luther, wie er schrieb, «zwo Nächte lang Herzeleid», im Gedanken, auch ihm könnte so etwas passieren, hatten doch seine eigenen Gesinnungsfreunde, die protestantischen Fürsten, im heute thüringischen Schmalkalden soeben einen Bund geschlossen zur Verteidigung des Glaubens auch mit der Waffe. Den «Zwingel» aber, wie Luther ihn zu nennen pflegte, liess er entgegen der Meinung der Schweizer nicht als Märtyrer durchgehen, weil er und die seinigen nämlich «in den Irrtum vertieft in Sünden untergegangen» seien- Um Zwinglis Seele müsse man sich «aufs höchste bekümmern. (…) Wie sein letztes Büchlein bezeuge, sei er «in grossen und vielen Sünden und Gotteslästerung gestorben». Luther zitiert Augustinus: Non poena, sed causa facit Martyrem. Kein Leiden ist heilig ohne die Unschuld, schimpft Luther, dem Kollegen zwei Dinge vorwerfend: «Die Lästerung wider das Sakrament», gemeint die Leugnung der Realpräsenz Christi in Brot und Wein als unverzeihliche Sünde wider den Heiligen Geist, und das Kriegsverbrechen, «freventliche Handlung» der Proviantsperre wider die inneren Orte der Schweiz, ein berechtigter Grund für eine verdiente Niederlage. Aus damaliger Sicht war, für Luther, die Hungerwaffe schlimmer, weil feiger als das oft als Gottesurteil eingeschätzte Duell auf dem Felde. Dem ist freilich hinzuzufügen, dass Zwingli selber auf Zürichs Kanzel an Pfingsten 1531 noch gewarnt hatte: «Ihr sollt die Unschuldigen nicht aushungern!» Die bis heute verbreitete Meinung, Zwingli sei zu Lebzeiten der Ayatollah Zürichs gewesen, ist als politische Einschätzung des Stadtstaates falsch. Auch das Ertränken von Täufern, das Schwimmverbot in der Limmat und anderes hängt primär mit deren für die Regierung untragbaren anarchischen Vorstellungen zusammen, die Pflichten der Obrigkeit gegenüber betreffend. Hier bleibt zu ergänzen: ohne Kompromisse mit der Politik hätte es in keinem christlichen Land je eine religiöse Revolution gegeben.
Die Kritik Luthers am Kriegsmann Zwingli, einem der bedeutendsten Feldprediger der Kriegsgeschichte überhaupt, bleibt trotzdem nicht unbegreiflich. Verstand der Schweizer sich doch mehrfach als «Hauptmann Christi, Soldat Christi», verstand einiges von militärischer Strategie und Taktik und konzipierte selber Feldzugspläne. Weil er gegen Wirtschaftskrieg war, bevorzugte er frühes Angreifen, was die Sieg-Chancen der Städte gegen die Bergler wohl nachweislich erhöht hätte. Andererseits ist bekannt, dass Luther seinerseits dafür militärisches Vorgehen gegen die Bauern entschieden befürwortete, diese waren allenfalls «wie tolle Hunde» totzuschlagen. Umgekehrt äusserte sich 1529 im Vorfeld des Marburger Religionsgespräches den Schweizern gegenüber Landgraf Philipp von Hessen über die von ihm praktizierte «Milde» den Bauern gegenüber. Luther wiederum wollte mit Berufung auf das Evangelium den Religionskrieg so lange wie möglich zumindest hinauszögern. Es gab bei diesem Thema Mentalitätsunterschiede zwischen den Schweizern und den Deutschen, seien letztere auch entweder Kaiser- oder Fürstenanhänger gewesen.
Die damaligen Werte wurden statt heute im Ukraine-Krieg dann erst nach dem Tode Luthers (1546/47) im wohl auch aus finanziellen Gründen nur zwei Jahre dauernden Schmalkaldischen Krieg verteidigt. Damals mussten die genannten Wertfragen als Kriegsgrund herhalten - nebst den schwer zu leugnenden Eigeninteressen von katholischem Kaiser und protestantischen Fürsten.
Dogmen als Grenzen der Toleranz (Castellio)
Wahr ist, dass nicht nur die Römisch-Katholische Kirche oder die Orthodoxen Kirchen diesbezüglich keinen Spass verstanden. Meinungsverschiedenheiten um das Abendmahl gingen bei allen Bemühungen um Einigung so tief, dass in Deutschland noch bis um 1840 die Differenz von lutherischen und reformierten Kirchen so grundlegend war, dass vielerorts ein Begräbnis von Reformierten und Lutherischen auf dem gleichen Friedhof ausgeschlossen blieb. (Es würde jedoch gelten, diesem Befund in den je regionalen Verhältnissen nachzugehen.)
Keinen Spass diesbezüglich verstand man auch im Genf des Reformators Calvin:. dem Arzt und Gelehrten Miguel de Serveto gegenüber, der das Dogma von der Heiligen Dreifaltigkeit leugnete. Diesem Mehr-als—nur -Lehrsatz zuliebe ging man 1553 im protestantischen Stadtstaat so weit, die von Reformierten lange geschmähte Ketzerverbrennung erneut zum Staatsprinzip zu erheben. Zur Erzwingung eines Konsens ging man noch konsequenter vor als die Katholischen, wo Inquisitoren und der Papst als Richter das Letzte Wort hatten. Vor der Hinrichtung des Arztes Miguel de Serveto in Genf am 27. Oktober 1553 mussten die von den Gläubigen gewählten konstituierten Synoden von Genf, Neuenburg, Bern, Zürich und weiterer republikanisch orientierten protestantischen Städte das Urteil einstimmig genehmigen. Andernfalls war man selbst ein Ketzer. Zu dieser Thematik hat Rosemarie Schuder, eine verstorbene Kollegin von mir, einstige DDR-Nationalpreisträgerin, 1988 im Bewusstsein der Krise der DDR einen historischen Roman veröffentlicht, «Serveto vor Pilatus». Mit dem Mann der Autorin, dem Gerichtsreporter Rudolf Hirsch, habe ich mich an einem Paracelsus-Treffen über den Militarismus in der DDR gestritten.
In der Sozialreligion des Kommunismus wird das Prinzip von Werten, die über dem Menschenleben stehen, auf marxistische Weise lehrbuchmässig illustriert in Brechts Stück «Die Massnahme». Dasselbe wurde noch bei der Beisetzung des Nationalhymnendichters Johannes R. Becher als quasi heiliger Text zitiert. «Helft mir Genossen», sagt der Verurteilte, der sich dem Einstimmigkeitszwang anschliesst. Umso bedeutender bleibt das Einmaleins der Toleranz des einzigen Calvin-Kritikers Sebastian Castellio: hominem occidere non est doctrinam occidere sed hominem occidere.
«Einen Menschen töten heisst nun mal nicht, eine Doktrin zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten.» In Basel ist vor wenigen Jahren dieser Satz in eine Inschrift eingegangen unweit des Basler Paracelsus-Weges, von einem Gelehrten im Exil: Sebastian Castellio arbeitete nach seiner Vertreibung aus Genf bei einem der dortigen Druckhäuser entweder als unbezahlter Korrektor oder dann am Rhein als Flösser zu spärlichem Lohn. Heute ist man in Basel auf diesen Mann eher mehr stolz als auf Paracelsus, der noch im 20. Jahrhundert als Mann der Stunde und quasi Vor-Gründer der Basler Pharma gewürdigt wurde. So wie einst Castellio aus Genf fliehen musste, wollte Paracelsus im Januar 1528 Basel verlassen. Wegen einem lächerlichen Honorarprozess, dessen für ihn ungünstigen Ausgang er «mit bösen (Flug-) Blättern» bekämpft haben soll. Im Gegensatz zu Serveto hat er seine religiösen Überzeugungen für sich behalten, «damit ihm der Blitz nicht in den Acker schlage». Ein Grund mehr, dass die Theologischen Werke des Theophrastus von Hohenheim erst heutzutage - nach jahrzehntelanger Forschungsarbeit von Kurt Goldammer bis Urs Leo Gantenbeins «Zürcher Paracelsus-Projekt» - nach und nach angemessen an das Licht der Öffentlichkeit gelangen. Die Forschung hierzu steht vielfach noch in den Anfängen.
Wer das Gotteswort richtig interpretiert
In Basel soll im Spätherbst 1531 gemäss Legende das Herz des Schweizer Reformators Huldrych Zwingli beigesetzt worden sein, und zwar wie 1863 beim berühmten Indianerhäuptling Black Kettle «An der Biegung des Flusses» versenkt, nach der Niederlage der Schweizer Reformierten nämlich am Rheinknie. Dies aus dem Grund, weil die Evangelischen bekanntlich Reliquienverehrung als heidnischen Götzendienst verworfen hatten. Die Art und Weise, wie Luther in Wittenberg auf die Todesnachricht von Zwingli reagierte, verweist uns ins Zentrum unseres Themas betreffend den Gegenpol eines republikanischen Streiters der Christenheit aus der Schweiz im Vergleich zu einem Propheten, der sich wie kein zweiter seiner Landsleute an den Tisch des Herrn berufen fühlte. Ein Sünder zwar, aber einen, dem Gott der Vater über seinen Sohn die Gnade einer einzigartigen Erwählung gewährt hatte: nämlich aus dem wörtlich verstandenen Sinn des Wortes Gottes die Präsenz des Herrn an diesem Tisch richtig und fruchtbringend zu verstehen. Also für die Kirche Gottes und sein eigenes Seelenheil genau dies geschafft zu haben, wogegen «der Zwingel» aus Zürich sein Herz verstockt hatte. Das Zerwürfnis ging auch emotional deswegen in die Tiefe, weil Luther Zwingli unterstellte, mit seinem einstigen Wittenberger Weggefährten Bodenstein, genannt Karlstadt, in Sachen Abendmahl gemeinsame Sache zu machen. Dessen Abendmahlstheorie, derjenigen von Zwingli ähnlich mit Betonung des Symbolischen des Mahls, war aus Luthers Sicht mit ein Anlass, dass seine Wittenberger Reformation teilweise in Schwärmertum und Extremismus ausartete, Bildersturm und zumal Ablehnung der Kirchenmusik bis hin zum Zerschlagen der Orgeln: Auffassungen, die zum Beispiel Paracelsus und Schwenkfeld, von Luther als «Stänkefeld» beschimpft, zumindest grundsätzlich nicht ablehnten. (Bekannt ist, dass Karlstadts Sohn Adam von Bodenstein später zu den bedeutendsten Paracelsisten und frühen Herausgebern des Medizin-Ketzers gehörte, den man «Luther der Medizin» nannte.)
Karlstadts Abweichung von der Wittenberger Linie war aber für Luther bei dessen Einfluss auf Zwingli und andere eine Eingebung des Teufels. Wie Erasmus deutete Luther die zeitgenössische Uneinigkeit im Abendmahls-Verständnis als wesentliche Schädigung eines Hauptanliegens der Reformation. So wie aus der Sicht Luthers das sophistische Scheindogma der Substanzverwandlung den katholischen Gottesdienst verderbt hatte, besorgte dies in der reformatorischen Welt nunmehr die Neigung wichtigtuerischer Theologen, dass fast jeder von ihnen seine eigene Theorie von Messe und Abendmahl glaubte aufstellen zu müssen. Diese Unsitte hatte aus der Sicht Luthers der verhasste Karlstadt eingeführt. Vielfach wurde dafür der Heilige Geist persönlich in Anspruch genommen. In Sachen Bibel zum Beispiel die sogenannt «tropische Auslegung», wobei aber Luther beim Abendmahl entschieden für Buchstäblichkeit plädierte, den sog. Literalsinn. Natürlich war für Luther der Genuss des Leibes Christi und seines Heiligen Blutes kein herkömmliches Festessen, letzteres wäre im Sinne von Paulus heidnischer Missbrauch. Aber durchaus ein geistlicher Vorgang, womit er eigentlich mit Zwingli übereingestimmt hätte, der aber seit der Berner Disputation von 1528 sich mit den dortigen Theologen darauf geeinigt hatte, dass Brot Brot bleibe und der Wein Wein, was für Luther ein Verstoss gegen die biblische Wörtlichkeit war. Dies als Geheimnis des Glaubens jenseits der Substanztheorie von Aristoteles.
Auf welche «Wandlung» kommt es an?
Bei allen Meinungsverschiedenheiten der Reformer bleibt bei jedem von ihnen für eine im paulinischen Sinn würdigen Kommunion-Empfang ein ethischer Gehalt gemeinsam: Es ging keineswegs um das, was ein katholischer Priester im Sinne des Dogmas „die Wandlung“ nennt: den bekannten zentralsten Teil der Heiligen Messe, nämlich die „objektivierte“ Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut des Erlösers. Dass im „Innern“ des Empfängers, seinem Glauben, etwas passieren müsse, gehörte zu den ausgesprochenen oder auch unausgesprochenen Selbstverständlichkeiten der Lehre. Dies entsprach übrigens auch der spätmittelalterlichen Frömmigkeit gemäss der niederländischen mystischen Volksbewegung der devotio moderna, u.a. von Geert Groote propagiert.
Als Hauptsache betrachtet wird zumal bei den Radikalen der Reformation ab Karlstadt die Wandlung des Empfangenden. Dies ist bei Paracelsus damals unbekannten Schriften zur Ernährung mit Einfluss auf seine Abendmahlsschriften umfassend gegeben, und zwar schon bei jedem bewussten Verzehr von Brot als der Urspeise schlechthin. Die zentralen Paracelsischen Sätze lauten: „Je näher dem Brot, umso gesünder“. Und was die Verdauung betrifft: „Alle Verwandlung geschieht im Magen, und ohne ihn wird nichts verwandelt.“ In diesem Sinn findet bereits bei der natürlichen Ernährung eine Vereinigung des Essers mit der Schöpfung statt, freilich nicht mit dem Schöpfer.
Das Abendmahl im Sinne Luthers und wohl grundsätzlich auch bei den anderen Reformatoren wäre wohl ein Eins-Sein mit Jesus Christus. In Verbindung mit der Heiligen Dreifaltigkeit wohl eine Art mystischer Akt der Vervollkommnung und Vollendung des Glaubens als letzte Rechtfertigung vor Gott. Wie weit man dies aber je nachdem physisch bzw. leiblich und zugleich spirituell vollziehen sollte, wie „Das ist mein Leib“ zu verstehen sei, darüber war man zerstritten. Im Sinne von hochgemeinschaftlich in Verbindung mit anderen, „suus cum alteris“, mit sich selber und anderen, die Praxis der Gemeinschaft mit Christus als deren präsente Mitte. Nicht gerade eine Begegnung mit Gott nahe der Gottgleichheit, aber auf jeden Fall eine religiöse Erfahrung mit Jesus Christus nur jenseits dessen direkter leiblicher Präsenz in Brot und Wein. Eine Erfahrung der Einung, was hier aber nicht weiter ausgeführt werden kann und insofern nicht mit einer ultimativen Abendmahlslehre zu verwechseln, aber allgemein zur Zeit der Reformation angestrebt von allen, die auf ihre Weise als Reformatoren in die Geschichte eingegangen sind. Handle es sich um Kirchen- oder Ketzergeschichte.
Mit diesem Streit wurde für Luther eine weltumspannende Erneuerung der Kirche verderbt. Dahinter konnte fürwahr nur der Diabolos stecken, der Durcheinanderbringer. So konnte die Reformation die Welt nicht zu einer neuen Katholizität allumfassend verändern, nicht einmal im Reich, wo zumal im südlichen Deutschland kaum zu zählende Ketzereien grassierten, sei es in Basel mit dem Schwaben Oekolampad, in Reichsstädten wie Strassburg, Nürnberg, Konstanz bis hin ins Tirol, wo sich die Bauern unter Führung von Michael Gaismair von Zwinglis im reformatorischen Sinn infizieren liessen. Es musste nicht ausschliesslich in die täuferische Richtung gehen.
Wie steht man als Reformator zu den Fürsten?
Dass Zwingli es, wie auch Paracelsus unterstellt, mit den Bauern gehalten hatte, aus deren Mitte im ostschweizerischen Toggenburg er entstammte, auch im graubündnerischen Safiental (wo sich kleine Gemeinschaften bildeten), mochte eine Zeitlang Paracelsus gefallen, aber gewiss nicht Martin Luther. Zu dessen Lebensgeschichte gehört unabdingbar die Verbindung mit Fürsten wie seiner massgeblichen Stütze Friedrich dem Weisen von Sachsen, dazu ähnlich bedeutend der Kurfürst und Wittenberg-Förderer Johann der Gutmütige, 1554 in Weimar verstorben, der letzte Ernestiner Kurfürst. Nicht zu vergessen Landgraf Philipp von Hessen. Letzterer stand mit Zwingli in bester Verbindung; eine Bedingung der Möglichkeit, dass es zwischen Zwingli und Luther dann in Marburg im September 1529 zu einem Gespräch annähernd auf Augenhöhe kommen konnte. Dabei stand jedoch für Luther das Resultat von Anfang an fest, wie im 20. Jahrhundert der Widerstands-Theologe und 1968 Dutschke-Sympathisant Helmut Gollwitzer nüchtern feststellte.
Waren Ruhm und Ansehen von Martin Luther als Schriftsteller, Bibelübersetzer und spektakulärer Opponent gegen den Papst kraft Verbrennung einer Bannbulle und unübertrefflich unterstützt von Ulrich von Hutten, war Zwingli von Fürsten und Mächtigen nie existentiell abhängig. Als wohl angesehenster Feldprediger seiner Zeit seit Papst Julius II. und zuletzt noch beim kurzzeitigen Niederländer Pontifex Hadrian VI. höchst angesehen. Für den charakterlich und politisch umstrittenen Herzog Ulrich von Würtemberg ein Hoffnungsträger. Dieser sympathisierte sozusagen aus populistischen Gründen mit der Schweizer Reformation, um sich auch auf diese Weise an der Macht zu halten. Interessanterweise setzte er auch noch zu Zwinglis Lebzeiten Hoffnungen auf Paracelsus, der ihm gemäss einer St. Galler Quelle auf seiner Burg Hohentwiel als Berater Horoskope erstellen musste. Sowohl Zwinglis Verhältnis zum Tiroler Bauernführer Geismair wie dasjenige zum Württemberger Potentaten war grundlegend anders als Luthers Bedeutung etwa für Philipp von Hessen, dessen Eheprobleme er mit der theologischen Legitimation seiner Zweitheirat der Reformator so zu lösen verstand, dass Annullierungsdramen in der Art des Tudor-Königs Heinrich VIII. sich im vorneherein erübrigten.
Ehe, Zölibat und Konkubinat
«Gott hat ein Kreuz gemacht über der Ehe», sagte Luther, und ausserdem hielt er nichts von päpstlichen Annullierungen. Dass er die Ehe nicht als Sakrament betrachtete, erleichterte zwar die Scheidung, schloss jedoch besonders bei den Reformierten Zwingli und Calvin umso strengere Ehe-Gesetzgebungen nicht aus. Inbegriffen war da auch mehr Schutz für Frauen u.a. auch vor häuslicher Gewalt und in Zürich überdies das früheste Verbot des Konkubinates mit gesetzlicher Gültigkeit bis 1972. Ursprünglich eine Massnahme gegen Dutzende mit ihren Gefährtinnen lebende Kleriker im alten Zürich zur Zeit der Reformation. Katholische Kantone der Schweiz führten solche Verbote erst in moderner Zeit ein, ferner das oberdeutsche Bayern, welches das Verbot erst 1990 aufgehoben hat. Der Puritanismus war nicht zuletzt eine Errungenschaft der protestantisch-reformierten bürgerlichen Gesellschaft. Dies bezeugt die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. In Amerika der konservative Schriftsteller George Santayana mit «Der letzte Puritaner» (1936) und in der Schweiz Albert Jakob Welti 1941 mit dem Titel «Wenn Puritaner jung sind.» Der Grosszusammenhang der Debatten um die Reformationszeit, die Ehe betreffend, war ursprünglich der Streit um den die Ehelosigkeit der Priester, genannt Zölibat. Diese Auseinandersetzungen führten als quasi Nebenfolge zu einer vertieften Reflexion über die christliche Ehe. Ein Thema, das aber auch mit den Scheidungs- und Annulllationsgelüsten von Fürsten und Königen zusammenhing, die je nachdem theologisch und bei genauem Hinsehen vor allem auch in ihrer politischen Bedeutung mitreflektiert wurden. Hier verhielten sich die Theologen vielfach anwaltschaftlich, um nicht zu sagen opportunistisch.
Im Hinblick auf die im Titel unserer Ausführungen zur Mentalitätsgeschichte der Reformation bleibt es keine Kleinigkeit, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Luther und Zwingli, vom Abendmahl bis zur Erbsünde, gewiss auch dem Verständnis von Kirche und Staat, nicht auf eine Frage von Wortklaubereien zu reduzieren.
Wie ein Streit Identitäten stiftet
Dies liegt dann nahe, wenn das Verständnis von Kommunion und Abendmahl auswendig gelernte Sätze aus einem Katechismus reduziert wird mit Hintergründen, was die Gläubigen seit eh und je überfordert hat. Erst recht die seit Papst Pius X. immer jüngeren Erstkommunionkinder, aber wohl auch Konfirmandinnen und Konfirmanden aus protestantischen Denominationen. Das zweibändige Standardwerk von Walther Köhler „Zwingli und Luther“ über die Abendmahlslehre der beiden belegt, dass der Streit um dieses „Glaubensgeheimnis“ sich nach dem als protestantischem Konsens abgelehnten Dogma von der Transsubstantiation sich abermals verkompliziert hat.
Dass 99% der unmündigen Erstkommunizierenden dieses nicht verstehen, weil es auch gemäss Luther einen Höhepunkt scholastischer Sophistik darstellte, sollte Thomas von Aquin nicht angelastet werden. Dieser wollte dem Papst und fortgeschrittenen Magistern der Philosophie und Theologie erklären, dass die Wandlung von Brot und Wein in das Fleisch, genau genommen den Leib und das Blut Jesu Christi keine Contradictio in adjectio ist und insofern keine Absurdität. Wäre dies der Fall, es wäre auch als Gegenstand des Glaubens nicht zugelassen. Als methodisches Erklärungsmodell diente Thomas die Lehre vom Sein mit der Lehre von der Substanz bei Aristoteles. Ein Unterrichtsgegenstand, der im 20. Jahrhundert ein Jahr Logik und Philosophie mit mindestens sechs Wochenstunden in Anspruch nahm; vgl. das in der katholischen Schweiz vor Jahrzehnten traditionelle Philosophie-Lehrbuch von Kälin-Fäh auf methodisch hohem Niveau. Zumindest von der Fragestellung her, für theoretisch mögliche Glaubensvorstellungen vernünftige Begründungen zu verlangen, schien mir dieses sehr methodisch abgefasste Werk grundsätzlich nicht veraltet. Es sei denn, eine vielbändige „Kirchliche Dogmatik“ wie diejenige von Karl Barth oder die jeweiligen Gesamtwerke von Karl Rahner, Hans Küng oder anderer Glaubenserzähler mit rationalem Anspruch würden ebenfalls aus der Debatte genommen. So sah es in meiner Gegenwart 1986 Karl Popper, unfern des Denkens seines Streitgenossen Wittgenstein: „Wissen Sie, die Theologie ist ein Fehler.“ Insofern Luther entschiedener als seine Konkurrenten aber die rationale Erklärung zurückweist, etwa symboltheoretisch wie Karlstadt, Zwingli und Ökolampad, zurückwies, die Vernunft auch schon mal metaphorisch als „Hure“ bezeichnete, gäbe er Popper mutmasslich in gewisser Weise recht. Aber ähnlich wie Meister Eckhart müsste er, wollte niemand zuhören, die Lehre vom Glaubensgeheimnis notfalls dem nächststehenden „Stocke gepredigt“ haben, weil sein Herz von diesem Glauben nun mal voll war. In diesem Sinn hat der Spötter Voltaire Luther wohl nicht gänzlich missverstanden, als den Abendmahlstreit einmalig simpel und laienkompatibel zusammenfasste: „Die Katholiken essen Gott. Die Reformierten (incl. Calvinisten) essen Brot. Die Lutheraner essen Gott mit Brot.“
Anekdoten bergen eine Wahrheit für einen Augenblick. Weltanschaungen, Religionen und Ideologien können mit einem Witz kritisiert, in ihrer Perspektive, welche Identitäten stiftet, aber nicht auf Null gebracht werden. Und dass er, Luther, im Vergleich zu herkömmlichen Katholiken nicht Gott esse, beziehungsweise nur „Gott mit Brot“, sozusagen ein Thüringer Mett-Brötchen, hätte der Wittenberger entschieden in Abrede gestellt. Keiner in der Konkurrenz des Rechthabens um das Abendmahl war überzeugter davon, Gott zu essen, ob mit Zubeissen oder direkt schlucken, als es Luther noch und noch verkündigt hatte. „Das ist mein Leib“, der Leib des Herrn und zwar bedingungslos, weder isoliert objektiv noch rein subjektiv. Für Luther war es die Überzeugung der Überzeugungen, die er sich nicht nehmen liess, auch nicht auf der Einigungskonferenz von Marburg. Darum vermerkte er hinterher: „Wenn die Sakramentierer prahlen, ich sei zu Marburg besiegt worden, tun sie es nach ihrer Sitte: lügnerisch, die Verstellung und die Heuchelei selber, was Karlstadt und Zwingli mit ihren Schriften bezeugen. (…) Sie haben den Namen von Brüdern nicht haben erlangen können, sondern als Ketzer abziehen müssen, so jedoch, dass wir einstweilen in unseren gegenseitigen Schriften Ruhe halten, ob vielleicht Gott ihnen das Herz öffne.“ So also sah ein von aussen als erfolgreich eingeschätzter Burgfrieden unter Protestanten aus. Immerhin hatten die Streithähne von 15 Artikeln umstrittener Fragen deren 14 gemeinsam unterzeichnet.
Zur Frage der Mentalitäten
Bei den Auseinandersetzungen in Marburg blieb es keine Kleinigkeit, dass der Landgraf die Konferenz, die Aufsehen erregte und von den führenden Theologen des reformatorischen Lagers beschickt war, aus dem Süden Deutschlands u.a. von Herzog Ulrich von Württemberg, als dem Frieden im eigenen Lager dienlich einschätzen konnte. Zumal hätte offen sichtbare Zwietracht dem Ansehen des Gastgebers und der anwesenden Fürsten geschadet und umgekehrt das gegnerische kaiserliche und katholische Lager motiviert. Nach Aufzeichnungen von Zwinglis Protokoll-Führer und Griechisch-Spezialisten Rudolf Ambühl, genannt Collinus, wurden die Schweizer in Marburg auch wegen ihrer Sprache gehänselt. Dies ist insofern von grösserer als nur anekdotischer Bedeutung, als in Zürich in Konkurrenz zu Luther ein deutschschweizerisches Bibelprojekt dem Abschluss schon nahe war.
Beim Buchdrucker Christoph Froschauer, in dessen Offizin am 9. März 1522 erstmals in der Fastenzeit unverhohlen und demonstrativ Schweinswürste verspiesen wurden, mit dem Judenabkömmling Leo Jud als diesbezüglich „erstwurstbeissendem“ Priester der Schweiz, arbeitete man seit 1524 an der Zürcherbibel, für deren Übersetzung Zwingli nebst Collinus hervorragende Gelehrte aus der Universität Basel engagiert hatte. Und sich selber an die Arbeit machte. An diesem Projekt hatte Martin Luther nachweislich keine Freude- Diesbezüglich verspottete er Zwingli als Gelehrten ohne angemessene Sprachkunst. Wo in sächsischer Kanzleisprache «in grünen Auen» Gott den Gläubigen ein Lager finden lässt (Psalm 23), übersetzt der Toggenburger: «In schöner Weyd alpet er mich.» Oder im Hohelied: «Ihr Mund ist sänfter denn Anken», worunter in der ganzen Deutschschweiz noch heute «Butter» verstanden wird.
Eine modernisierte Zürcher Bibel hat leider diese mundartlichen Juwelen weitestgehend beseitigt. Ärgerlich für Wittenberg war ausserdem, dass die Schweizer Bibel, in Etappen veröffentlicht, vielfach noch vor der Veröffentlichung der vollständigen Lutherbibel im Druck erschienen ist. 1819 veröffentlichte der katholische Chorherr Franz Joseph Stalder zuhanden der Bruder Grimm um die 50 Versionen des Gleichnisses vom Verlorenen Sohn in mehr als siebzig meist alpinen Mundarten, das Französische und Rätoromanische inbegriffen. Ein kulturhistorisches Zeugnis mit Ansprache auf Weltkulturerbe der Sprache. Auch von mentalitätsgeschichtlicher Bedeutung.
Es kann abschliessend nicht darum gehen, Luther gegen Zwingli oder lokalpatriotisch Zwingli gegen Luther auszuspielen. Wir wollen auch nicht vergessen, hätten zumal Karlstadt aber auch Zwingli, zwar Freund von Hausmusik, sich durchgesetzt, es in Deutschland keinen Johann Sebastian Bach hätte geben können. In Zwinglis Hauptkirche, dem Grossmünster in Zürich, gibt es erst seit 1875 wieder eine Orgel. In der Rousseau-Stadt Biel, wo Zwinglis massgeblicher Basler Studienfreund und Lehrer Wittenbach die Reformation durchsetzte, durfte ich vor bald 30 Jahren eine der Einweihungsansprachen für den Wiedereinbau einer 1529 zerstörten Schwalbennest-Orgel halten. Die Schweizer Reformation war nun mal trotz ihrer Bildungsfreundlichkeit nur bedingt ein Kulturfortschritt. Republikanisch bedeutete ursprünglich Sparsamkeit, vielfach Verzicht auf prunkvolle Kulturförderung, zumal nicht staatlich.
Persönlich zeigte ich mich als junger Katholik von Luther beeindruckt, so dass ich als Gymnasiast an eine einschlägige Ausstellung nach Augsburg reiste, wohingegen ich Zwingli allzu sehr mit einem Puritaner verwechselte. Dass er als Ortspfarrer des Wallfahrtsortes Einsiedeln eine der schönsten und zumal analytisch tiefsinnigsten Marienpredigten in der Geschichte dieser Wallfahrtsorte hielt, 1522 gedruckt bei den Fastenbrechern der Offizin Froschauer und seinen leiblichen Brüdern im Toggenburg gewidmet, habe ich erst vor wenigen Jahren zur Kenntnis genommen.
Zur Würdigung Luthers gilt es das religiöse Genie von den politischen Opportunitäten zu unterscheiden. Nach Leopold von Ranke war die Reformation in Deutschland angeblich ein Werk des Interesses und der Gewalt. Nun aber wollte Luther nun mal nicht wie Johannes Hus in Konstanz enden. Reichlich bekannt ist die zumindest partielle Zwangstaufe der nachträglich frommen Sachsen. Luthers Abendmahlslehre scheint mir wohl nicht primär eine intellektuelle Leistung zu sein in der Richtung, dass der Glaube bedingungslos vernünftig sei. Mathematisch war Ihr Landsmann Leibniz dem Reformator Luther vermutlich universell überlegen. Darum schloss der Philosoph aus der Vollkommenheit Gottes streng logisch, dass wir in der bestem aller möglichen Welten leben. Da sah Luther seine Zeit wohl um Welten realistischer. Zu seinen bleibenden Wortschöpfungen scheint das Wort «Jammertal» zu gehören (Psalm 84), was die beschränkten Bedingungen der menschlichen auch sozialen und letztlich existentiellen Bedingungen betrifft.
In diesem Sinne steht im Abendmahl der einzelne Gläubige ganz persönlich vor seinem menschgewordenen Gott. Dieser präsentiert sich leiblich – seelisch -menschlich – göttlich, sozusagen «ganzheitlich» als sein gnädiges Gegenüber. Hier darf das Räsonieren der Superklugen auch mal aufhören. «Das ist mein Leib. – Es ist einfach so!» In der Rechtfertigung des Sünders in einer unvollkommenen Welt ist Gott die einzige und letzte Zuflucht und an seinem Wort, in der Bibel urtextlich niedergelegt, darf nicht gerüttelt werden. Natürlich war Luther nicht der Erfinder des Individualismus. Aber gerade wegen der Vorläufigkeit des Erdendaseins nahm er das Politische nicht wichtig genug, um diese Art Emanzipation zur Hauptsache erklären zu können. Seinen Fürsten konnte es recht sein. Dem Papst eher weniger. Gläubige mit einem direkten Draht zu Gott konnte man in der katholischen Kirche nur nach nachträglicher Unterwerfung gebrauchen. Im humanistisch orientierten Protestantismus war hierzu eine kritikfähige, weil akademisch ausgebildete Begleitung erwünscht, sollte es nicht in die Art der Schwärmer und Täufer ausarten.
Demgegenüber hatte Zwingli stärker als Luther mit seinem süddeutsch-schweizerischen Landsmann Paracelsus dessen sozialpolitischen Leitsatz gemeinsam: «Der Mensch ist bei den Leuten.» Bezüglich das Abendmahl setzt dies einen etwas anderen Schwerpunkt. Die Frage nach einer hochkomplexen «geistlichen Speisung» oder gar einem sicher heterodoxen alchemistischen Verständnis von Eucharistie sei hier ausgeklammert. Matthäus 28,20, von Zwingli schon zu Beginn seiner Amtstätigkeit in Zürich sozusagen «durchgepredigt»: «Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.» Dies bedeutet, wiederum sehr verkürzt: Die Einung mit Gott über die Begegnung mit seinem Sohn Jesus Christus erfolgt in genau dieser «Mahl»-Gemeinschaft bei einem Essen, das mit einem herkömmlichen Festessen nicht mehr gemeinsam hat, als gerade noch Brot und Wein «aufgetischt» werden. Eine heilige Handlung, hochspirituell, aber im Vergleich zum Ursakrament Taufe kein Sakrament. Eine katholische Begrifflichkeit, welche Luther noch bei der Verfluchung des gefallenen Zwingli gebraucht hat.
Dieser Gemeinschaftsbezug des sakramentalen Vorgangs, bei dem es ausschliesslich um die als real und nicht nur symbolisch empfunden Gegenwart des Erlösers in unserer Mitte und als unsere Mitte geht, hat auch Auswirkungen auf das kirchliche und gesellschaftliche Leben. Die Konkretisierung wird nicht überall dieselbe sein. Gewiss aber bedeutet es eine Aufwertung der Gemeinde. Gewiss steht diese dem Verkünder des Wortes Gottes, also ihrem Pfarrer, näher als dem Bischof oder dem Papst. Der Gemeindepfarrer ist sogar, wie Zwingli gelegentlich sich selber bezeichnete, im biblischen Sinn «der Bischof». Dass ein solcher Gemeindepfarrer aber wie der einstige Papstgünstling Heinrich Göldlin bis zu acht Pfründen sammeln will, darunter 1506 nach päpstlichem Versprechen auch Glarus, konnte nur Amtsmissbrauch sein. Darum wehrte sich die Gemeinde und wählte stattdessen Zwingli, der jedoch Göldlin mit 100 Gulden zu entschädigen hatte, dies per Hypothek! Dagegen war anzukämpfen. Dass die Gläubigen bei der Pfarrwahl nichts zu sagen hatten, zumindest nicht auf dem Papier, war schon Generationen vor Zwingli in der Gemeinde des späteren Landesheiligen Klaus von Flüe ein echtes Ärgernis gewesen.
Von Zwingli ist auch aus Schulbüchern bekannt, dass er als katholischer Ortspfarrer spätestens ab 1510 die Geschäftspraxis der Fremden Kriegsdienste seiner Landsleute vorerst satirisch kritisierte. Bekannt wurde diesbezüglich sein «Gedicht vom Ochsen». Dennoch stellte er sich als predigender Feldhauptmann 1512 dem von Erasmus noch kritisierten Papste Julius II. zur Verfügung, angeblich um seine teuren Buchanschaffungen finanzieren zu können. Wir wissen es unterdessen besser. Die Rückeroberung von Pavia, bei der sogar Zwingli «Vivat Julius!» gerufen zu haben scheint, erfolgte nicht bloss einem museumsreifen Julius-Panner zuliebe. Zwinglis Weggefährte bei jenem von ihm beschriebenen Feldzug war der Freiburger Bürgermeister und damals tüchtigste Schweizer Diplomat Peter Falck, mit direktem Zugang zur Römischen Kurie. Diese stellte zum 8. Januar 1513 eine wegen Falschdatierung bis heute unterschätzte Bulle aus, die Pfarrwahlen der am Feldzug beteiligten Orte betreffend. Der Hauptsatz der Pfarrwahlbulle lautet, gemäss Freiburger Doktorarbeit von Joseph Frei (1934), von Reformationshistorikern bis heute nicht zur Kenntnis genommen: Wir bestätigen und bekräftigen daher durch apostolische Gewalt die Gewohnheit dieses Nominations- und Präsentationsrechtes, in dessen friedlichem Besitze oder Quasibesitze Ihr zu sein vorgebt.
„Friedlicher Besitz oder Quasi-Besitz“ bedeutet aus der Sicht der Kurie eine Rechtsanmassung, die hier wenige Wochen vor dem Tod des schwerkranken Papstes aber zur vorläufigen Tolerierung gebracht wird. Eine „Vorläufigkeit“ freilich, die zum ewigen Provisorium der berühmt-berüchtigten IURA HELVETIORUM CIRCA SACRA führten: Sonderrechten der Schweizer, später der Schweizer Katholiken, die teilweise zur Mitbestimmung sowohl bei Pfarrwahlen und mit der Zeit auch bei Bischofswahlen führten. Mit schweizerisch-römischen Spannungen bis hinein ins 19., 20. und 21. Jahrhundert, nicht selten Aufsehen erregend. Dass Zwingli an der Anfangszeit dieser Entwicklung sich offensichtlich sogar Verdienste erworben hat, darauf legte er als späterer Reformator keinen Wert. Motivierten doch diese Pfarrwahlrechte die Bergkantone keineswegs zum Anschluss an die Reformation, auch nicht zur Absage an die Dienstbereitschaft für den Papst.
Grundlegend bleibt jedoch für den Zwingli, den „Hauptmann Christi“, dass er im Unterschied zu Luther als „republikanischer Streiter der Christenheit“ 1531 sein Leben im Felde verloren hat. Und dass im Rahmen von niemals voll zu demokratisierenden kirchlich-christlichen Institutionen seine Vorstellungen von Kirche und Staat vergleichsweise republikanisch, in Ansätzen sogar demokratisch orientiert waren. Bei traditioneller Zurückhaltung der Schweizer gegenüber „starken Männern“ und autoritären Methoden, was sich in Zürich teilweise auch gegen Zwingli selber richten konnte. Andererseits hatte man mit chaotischen „Scharmgeistern“ und täuferischen Sonderwegen wie überhaupt mit Sektierern nichts am Hut, sofern sie sich nicht so unauffällig wie möglich in diese oder jene ländliche Nische zurückzogen.
Der schweizerische Republikanismus hatte innerhalb der jeweils bestehenden Klasse, ob Bauern, Handwerker, auch Aristokraten, einen gleichmacherischen Zug. „Extrawürste“ hatten mit Ausnahme der Anti-Fastendemonstration von 1522 einen schlechten Ruf. Hingegen war es seit den ältesten Freiheitsbriefen des 13. Jahrhunderts Tradition, gegenüber Kaiser und Reich, generell ausländischen Institutionen, Freiheitsprivilegien zu beanspruchen. Dass diese Privilegien sich auch auf kirchliche Bereiche bezogen, charakterisiert den republikanischen und zumal synodalen Sonderweg der Reformation in der Schweiz. Zu dessen Verdiensten gehörten, dank Chorgerichten, noch bis ins 19. Jahrhundert auch Frauenschutz, Eheschutz und Familienschutz, auch Kampf gegen das aufkommende Rauchen und den Alkoholismus. Aus liberaler Sicht hingegen wurde der kirchliche Widerstand gegen das Wirtshauswesen kritisiert, noch von Dichterpfarrer Jeremias Gotthelf unterstützt. Gaststätten spielten indes eine bedeutende Rolle bei der Einführung einer modernisierten Demokratie in der Entwicklung zum Bundesstaat. Hohe Bedeutung erlangte zumal in der calvinistischen Westschweiz, was Max Weber die protestantische Ethik der Arbeit nannte. Diese blühte nicht nur innerhalb der Uhrenindustrie mit hohem Anteil von Hugenotten auf. Noch im 20. Jahrhundert wurden Volksinitiativen zur Arbeitszeitverkürzung oder für mehr gesetzliche Urlaubswochen abgelehnt. Überfremdung durch Einwanderung aus südlichen Ländern oder der Anschluss Vorarlbergs wurde zumal von der protestantischen Schweiz lange aus Furcht vor Rekatholisierung verworfen. Der bedeutendste sozialistische Theologe der Schweiz, Leonhard Ragaz, publizierte 1917 ein Buch gegen die Überfremdung vor allem durch ausbeutbare billige Arbeitskräfte. Bei den Deutschen vor preussischer Mentalität warnend, bei den Südländern vor ihrer Religion, und selbst den Franzosen gegenüber achtete er auf Distanz. Die Tessiner wiederum wollten und wollen nicht mit den Italienern verwechselt werden. So entwickelte sich eine nunmehr aber zunehmend umstrittene „schweizerische Eigenart“, die aber wegen der Vielsprachigkeit nie zu einem typisch europäischen Nationalismus ausartete. Was indes den schweizerischen Protestantismus betrifft, ist er sowohl bei den Kirchgängern wie bei den Kirchenmitgliedern seit Jahren von einem dramatischen Rückgang betroffen, auch was noch an Zwingli orientiertes einheimisches Pfarrpersonal betrifft. Weder kann Genf heute noch im Ernst als „Calvin-Stadt“ bezeichnet werden noch ist Zwingli für Zürich typisch geblieben. Abgesehen davon, dass die Klischees über ihn weit überdurchschnittlich unstimmig sind, auch von einem unlängst publizierten Erfolgsfilm kaum eingeholt. Er bleibt, in Verbindung mit seinem Nachfolger Heinrich Bullinger, Begründer des Weltprotestantismus, wohl eine Persönlichkeit nicht nur der schweizerischen, sondern wohl auch der europäischen Geschichte. Für sein Land eine durchaus positive repräsentative Figur, was ungefähr in ähnlichem Ausmass auch für Paracelsus gilt.
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Dieser Vortrag beruht auf Forschungsgrundlagen zum Buch „Berghumanisten. Zwingli, Glarean, Heinrich Hössli und die Landsgemeindedemokratie“; Teildruck Luzern 2023, erscheint 2027.
Literaturhinweis (ohne Gesamtausgaben Luther/Zwingli)
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Büsser, Fritz: Das katholische Zwinglibild. Von der Reformation bis zur Gegenwart. Zürich 1968.
Farner, Oskar. Huldrych Zwingli. 4 Bände, Zürich 1843 – 1960
Gäbler, Ulrich: Huldrych Zwingli, Leben und Werk. Zürich 2019.
Gantenbein, Urs Leo U (Hrsg.): Paracelsus , Vita beata – Vom Seligen Leben. Theologische Werke Bd. 1 , Berlin – Boston 2008- Teil des mehrbändigen Werks
Neue Paracelsus-Edition
Gantenbein, Urs Leo (Hrsg.): Paracelsus: Theologische Werke 2, Neue Paracelsus-Edition,
Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston, 2025-
Kälin, Bernhard, Fäh Rafael: Einführung in die Philosophie, Bd. 1: Logik, Ontologie, Kriteriologie, Theodizee. Sarnen 1957
Kierkegaard, Sören: Der Einzelne und sein Gott. Hamburg 2012.
Köhler, Walther: Zwingli und Luther. Der Streit über das Abendmahl nach seinen politischen und religiösen Beziehungen. 2 Bände, Gütersloh 1953
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Pesch, Otto Hermann: Hinführung zu Luther. Ostfieldern 2017.
Ragaz, Leonhard: Die Neue Schweiz. Ein Programm für Schweizer und solche, die es werden wollen. Olten 1914.
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